Zu neuen Ufern? Teil 2

Mein Termin steht jetzt gegen Ende Oktober. Ich bin ehrlich, ich bin ziemlich aufgeregt und habe auch Angst davor wieder zum Augenarzt zu gehen.

Meine Bitte nach Vitrektomie war schon ziemlich eindeutig, aber Kopf martern momentan gefühlt 1000 Fragen.

  • Sehen die die Floater?
  • Wie reagieren die Ärzte?
  • War mein sehr gerades und konsequentes Auftreten vielleicht peinlich
  • Was denken die von mir?
  • Ist es überhaupt schlimm genug?
  • Was, wenn ich wieder nach Hause geschickt werde?

Ich glaube ich werde darauf keine Antwort finden, vermutlich ist es ganz normal, dass ich mich das Frage.

Schließlich ist es ein sehr großer Schritt. Die Augen sind mit das wichtigste Sinnesorgan und, wenn man sich für eine OP entscheidet, dann sollte das gut überlegt sein. Ich habe 10 Jahre Floater, seit 4 Jahre sind sie so massiv, dass ich konsequent jeden Hörsaal vermeide. Ich habe 3 Jahre dagegen gekämpft und ich denke, dass ich so leben könnte. Ich habe irgendwann vor einem Jahr einen Punkt erreicht an dem mich die Floater zwar noch stören, aber ich gut damit leben kann. Ich wieder fröhlicher bin, einen Stück von meiner früheren Lebensfreude zurück gewonnen habe und trotzdem….

Vor 3 Jahren, als ich das erste mal an eine OP gedacht habe, da war mir klar, irgendwann werde ich es ohnehin machen lassen, wenn es schlimmer wird, wenn es ein „besseres“  Op-Verfahren gibt. Aber, wenn ich es sowieso irgendwann mache, warum dann nicht jetzt?

Ich habe mein Leben um die Floater gebaut und ich lebe so wie jetzt sehr gut damit, aber will ich das?

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Zu neuen Ufern?

Es ist kurz vor meinem 24 Geburtstag. Noch in diesem Monat sind es glatt 10 Jahre, dass ich Floater habe.

Ich habe die letzten Monate viel nachgedacht. Nach dem euphorischen ersten Jahr ist dieser Blog ein bisschen liegen geblieben, es gab einfach zu viel neben den Floatern was wichtig war. Spannende neue Erfahrungen nur ein Überblick:

  • 2 Wöchiges Fest in meiner Heimatstadt mit mir als Veranstalter
  • Job an der Universität
  • Studium mit sehr guten Leistungen
  • Eine neue Liebe
  • Mehrere Besuche bei alten Verwandten, welche ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen habe

 

Trotz der Floater und der damit einhergehenden Belastung war es ein schönes und erfolgreiches Jahr.

Nachdem ich jetzt einige Zeit versucht habe die Floater aus meiner Wahrnehmung zu verdrängen, bin ich momentan dabei mir einen Operateur zu suchen und mich für eine Operation zu empfehlen. Nachdem ich schon einige gescheiterte Versuche hinter mir habe, habe ich die Strategie gewechselt. Ich spiele mittlerweile mit offenen Karten und Frage direkt nach der Vitrektomie. Ich bin erst/bald 24 Jahre meine Aussichten auf einen Operateur, welcher gewillt ist mich zu operieren, sind denkbar schlecht.

Ich füge die Email ein, falls jemand ähnliche Schwierigkeiten hat und eine ähnliche Strategie versuchen möchte.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin Herr Mustermann 23 Jahre alt und bin momentan Student. Seit ca. 4 Jahren habe ich massive Floater in beiden Augen, vor 10 Jahren habe ich die ersten bemerkt.

Ich habe mich intensiv mit der Thematik beschäftigt und 2 Jahre eine Verhaltenstherapie deswegen gemacht. Leider bin ich mittlerweile an einem Punkt, an dem ich nicht mehr so weiter machen kann wie bisher. Momentan ist mein Studium für mich nicht mehr durchführbar, jeder Seminar- und Vorlesungssaal ist weiß und mitunter stark ausgeleuchtet. Die Belastung ist immens.

Ebenso ist ein schlichtes nach draußen gehen, oder ein blauer Himmel eine endlose Tortur.

Ich schreibe ihnen, weil ein Bekannter von mir eine PPV bei ihnen hat machen lassen und ein gutes Ergebnis erzielt hat. Ich hätte gernen einen Termin, in welchem wir die Möglichkeiten diskutieren, die mir zur Verfügung stehen. Ich sehe mich außer Stande so weiter zu machen wie bisher.

Termine sind für mich am besten Donnerstags/Freitags wahrnehmbar, ich bin außerdem bei der AOK versichert.

Ich bitte Sie darum, mich nur zu berücksichtigen, wenn eine Operation auch bei jüngeren Menschen für Sie in Frage kommt. Ich habe hiermit schon sehr schlechte Erfahrungen gemacht, ich habe mir diesen Schritt reiflich überlegt, dies ist keine unüberlegte Impulshandlung.

Sie erreichen mich entweder per Mail, oder telefonisch unter der XY.

Falls die Möglichkeit besteht, würde ich sie bitten meinen Wunsch/Anfrage vor ab an einen Operateur weiterzuleiten, um abzuklären, ob in meinem Alter, von ihrer Seite aus, überhaupt operiert wird.

Bei der letzten Kontrolle war die Netzhaut in bestem Zustand, ich habe weder Kurz-/Fernsichtigkeit noch andere Erkrankungen, bis auf die Glaskörpertrübungen.

Mit freundlichen Grüßen
Herr Mustermann
Daraufhin folgende Antwort:

Sehr geehrter Herr Mustermann,

vielen Dank für Ihre Nachricht an unsere Klinik.

Um Ihren Befund genau beurteilen zu können, müssten wir Sie einmal genau untersuchen. Hierzu ist auch eine Pupillenweitstellung notwendig (Autofahren danach nicht möglich). Im Anschluss an die Untersuchung würden wir Sie für das weitere Vorgehen entsprechend beraten.

Wenn Sie dies möchten, würde ich Sie um eine telefonische Terminvereinbarung unter XY in unserer Hauptabteilung bitten.

Bei Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Frau Dr. Musterfrau

Oberärztin der Klinik

Ich antwortete:

Sehr geehrte Frau Musterfrau,

vielen Dank für Ihre Antwort.

Ich möchte nicht resolut, oder ungnädig wirken. Ich war bereits bei zahlreichen ÄrztenInnen in meiner Umgebung, nach der Routineuntersuchung und der Besprechung des Befunds bekam ich, bis jetzt, immer eine Absage. Weil grundsätzlich nicht in diesem Alter operiert wird.

Ich weiß, dass ein Grauer Star wohl die Konsequenz sein wird. Gleichfalls bin ich mir im klaren, dass die Operation schwerwiegende Komplikationen haben kann.

Ich habe kein Interesse an einer Voruntersuchung, wenn das Ergebnis („Da operieren wir nicht, sie sind zu jung, gewöhnen sie sich daran“) schon im vornherein feststeht.

Deshalb kommt ein Termin bei Ihnen für mich erst in Frage, wenn ich im vorraus die Zusicherung erhalte, dass eine Operation, bei günstigen Bedingungen, bei denen Alter keine ist, erwogen wird.

Bitte verstehen Sie mich da, Glaskörpertrübungen sind immer auch mit einer Patientengeschichte verbunden, die sich dadurch auszeichnet, dass man in quälend hellen Warteräumen sitzt und anschließend frustriert nach Hause geht, weil man „zu Jung“ ist.

Mit freundlichen Grüßen
Herr Mustermann
Die Antwort kam nur eine Stunde später:

Sehr geehrter Herr Mustermann,

ich würde nicht von vornherein sagen, dass eine OP bei Ihnen grundsätzlich nicht möglich ist.

Der klinische Befund und der subjektive Leidensdruck sind entscheidend.

Mehr kann ich aber ohne Untersuchung zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, wofür Sie sicherlich Verständnis haben.

Gerne vereinbaren Sie einen Untersuchungstermin bei uns, wenn Sie dies möchten.

Ich hoffe, Ihnen mit diesen Aussagen geholfen zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Frau Dr. Musterfrau

Oberärztin

 

 

Ich werde in den nächsten Wochen einen Termin vereinbaren und dann alles weitere besprechen, ich halte euch auf dem Laufenden.

100% 

Es scheint, als wäre der größte Gemeinplatz der Moderne, die Perfektion. 

In der Wahrnehmung pranken -scheinbar völlig vorraussetzungslos- die 100%. Gleiches Recht für alle, keiner hat mehr verdient, als der jeweils Andere. Das ist alles, aber keine Gerechtigkeit. Jeder Unterschied nivelliert sich und alle bekommen das Gleiche. Die Frage ist hat jeder überhaupt die selben Voraussetzungen? Zweifelhaft. 

Ich besitze keinen Rollstuhl, oder eine Brille, aber nachdem jedem das Gleiche zusteht, sollte ich das doch eigentlich, oder? Hier ist der Sprung noch einfach, man wird sagen können: „Aber hey, du brauchst das doch nicht“.  Die meisten werden hier noch mitmachen, leider verlieren viele diese Logik aus den Augen, sobald es nicht mehr derart eindeutig ist. 

Sieht man jemanden mit 30 Jahren, ohne oder mit geringer Schulbildung, dann ist man eher dazu verleitet zusagen: „Selber Schuld, die Chance hat schließlich jeder“. Es geht mir nicht um das verfrühte Urteil, sondern ganz grundsätzlich um den Begriff der Chance. 

Ich hätte die Möglichkeit gehabt ein guter Fußballspieler zu sein, leider war meine Familie strukturell und finanziell nie in der Lage mir das notwendige Training zu ermöglichen. Faktisch hatte ich also von vornherein keine Chance. Traurig, wenn man bedenkt, wie viel Geld so mancher Profi verdient. 

Aber wer noch eigentlich faktisch keine Chance hatte sind z.b Neymar, Ronaldinho, Boateng, Messi  zig weitere. Also wird schnell einmal gesagt, dass viele es schwer hatten, aber wenn man es wirklich will, dann schafft man es. Hier liegt das Problem. 

Die genannten Fußballspieler könnte man auch Überlebende nennen, sie sind das 1%, welches es dennoch geschafft haben. Auf diese kommen pro Person sicherlich 1000 Andere, die genauso engagiert waren, aber denen simpel ausgedrückt das Quäntchen Glück gefehlt hat. Das Problem ist, man sieht nur das 1%, die 99% sind die 30 Jährigen ohne Schulbildung. 
Was hat das eigentlich mit Floatern zu tun? 

Akzeptanz. Die Augen sind eines der, wenn nicht sogar das wichtigste Sinnesorgan. Besteht hier ein Defizit, dann ist dies kaum auszugleichen. Man hat halt keine 100% mehr, so ist das. „Sie gewöhnen sich“, ist eigentlich ein Äquivalent zu „Sie werden lernen mit 80% zu Leben“. Der letzte Satz, ohne jede Bitterkeit, das ist der Pudelskern. Aber was tun mit dieser Weisheit? Etwas anderes, einfach leben. Die Augen sind ihre 100%, die Nase wieder 100%, die Ohren 100% und das Gehirn hat auch seine eigenen 100%. In wie vielen Bereichen nutzt man völlig selbstverschuldet nur 70%? Die Arbeit, die weitere Fremdsprache, die man schon ewig mal lernen wollte. Ein Leben besteht aus all diesen Teilen, nicht nur aus den Augen. Man sollte sich dann und wann ins Gedächtnis rufen, dass eine Methode zu fast risikofreien Entfernung der Floater, mittlerweile fast Alltag ist. 

Aber was lernen wir noch? 

Man stelle sich ein Leben vor, frei von Floatern, aber voller ungenützter Möglichkeiten. Voll trüben Stumpfsinn und Verschwendung. Jetzt stelle man sich ein Leben mit ein Leben mit vermutlich temporären Floatern vor, aber allen genutzten Möglichkeiten. Selbst wenn ich keine Floater hätte, wäre mir das zweite Leben lieber, was sind ein paar Jahre Lebenszeit mit Dreck im Auge, gegen ein ansonsten ideal genutztes Leben? 
Bei allen glücklichen Fügungen, welche leider mitentscheinden, die das Leben beeinflussen, viel liegt in der eigenen Hand. Ich bin niemals Fußballprofi geworden, weil meine Familie, dies nicht vollständig stemmen konnte. Ich habe seit einem Jahrzent Floater, obwohl die Wahrscheinlichkeit hierfür wohl gegen die 0% tendiert hat. Aber ich bin ein zufriedener Mensch, vielleicht nicht deswegen, sondern dennoch. Hier hatte ich  die Wahl und Möglichkeit, mir bleibt fast nur zu danken, denn zu wünschen bleibt nichts übrig.

Das was bleibt

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass es in absehbarer Zeit eine Möglichkeit geben wird Floater, frei von jedem Risiko, aus dem Auge zu entfernen. Aktuell zeigt sich, dass eine Hoffnung dahingehend, nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Beispielsweise ein neues Operationswerkzeug für die Vitrektomie, oder eine neue Variante des Ellex-Lasers, für die Laser-Vitreolyse .

Doch ganz gleich, welches dieser Methoden -früher oder später- dazu führen wird, dass man einmal keine Floater mehr hat, eines ist sicher, sie werden einmal nicht mehr da sein. Man muss kein Optimist für diese Einstellung sein, sondern mäßig realistisch. Schließlich hat man auch jetzt schon die Möglichkeit für eine Vitrektomie, welche bei einem vollständig gesundem Auge nur sehr selten zu Komplikationen führt.

Konzentrieren wir uns also darauf, was für Erkenntnisse man erfahren kann, durch die Gewissheit, dass die Floater irgendwann verschwinden. Wagen wir zusammen einmal einen Blick in eine Zeit frei von Floatern. Es geht nicht darum sich auszumalen, wie schön die Welt einmal wieder ohne sie sein wird, sondern welche Erkenntnisse ich für die Gegenwart ziehen kann, wenn ich weiß, es ist nicht für immer.

Man stelle sich vor, man ist man selbst in 10 Jahren, man öffnet die Augen und sieht keine Floater mehr… Doch wie möchte man auf diese 10 Jahre davor zurückschauen?  Sieht man vielleicht nur das Schlechte, nur die Belastung und den Frust, oder sieht man das man sein bestes aus der Situation gemacht hat? Floater sind eine Belastung, dass ist keine Frage, aber abseits der Floater ist man vermutlich gesund. Die meisten Dinge im Leben stehen einem noch immer offen, es geht darum für sich eine Möglichkeit zu finden, sein Leben mit den Floatern so zu arrangieren, dass es für diese Situation das Beste aller Möglichen ist. Denn sieht man eines Tages 10 Jahre zurück und sieht sich wie man sich 10 Jahre ein Fundament für ein besseres Leben etwa durch: einen besseren Job, eine bessere Ausbildung oder Bildung im Allgemeinen erbaut hat, dann hat man etwas gelernt und die Erfahrung der Floater hat etwas positives gehabt.

Positiv sein, oder positiv handeln ist schwierig und mitunter anstrengend, doch hier kann der Glaube, oder viel mehr die berechtigte Hoffnung, dass dieser Zustand nur temporär ist und irgendwann nicht mehr sein wird, eine große Hilfe sein. Ich kann mich Jahre auf all das konzentrieren, was bleiben wird, wenn die Floater einmal verschwunden sind. Die Floater sind etwas temporäres, andere Dinge jedoch werden ziemlich sicher bleiben. Arbeite ich mit meinen Floatern etwa an meiner Geduld, meiner positiven Einstellung, meiner Sicht auf die Dinge, meiner Aufmerksamkeit und meinen Strategien mit traumatischen Erlebnissen fertig zu werden, dann bleiben diese Fähigkeiten mir erhalten. Ganz logisch meine Persönlichkeit, mein Ich, ist kein Floater es hängt auch nicht mit diesen zusammen, das eine geht das andere bleibt. Sehe ich in 10 Jahren auf das jetzt zurück und sehe mich allen Widrigkeiten trotzen und das beste aller möglichen Leben führen und gleichzeitig ein Fundament errichten auf welchem das Ich in 10 Jahren besser stehen wird, dann habe ich es geschafft. Ich bin gereift, niemand kann und niemand wird einem dies jemals nehmen können.

Niemand schreibt einem vor wie man seine Floater zu sehen hat. Natürlich werden die wenigsten sie als etwas positives empfinden, aber man kann nicht nur aus positiven Dingen lernen. Angenommen man sperrt sich 10 Jahre in seinem dunklen Zimmer ein und sitzt es aus, eines Tages schlägt man die floaterlosen Augen auf und einem wird bewusst, dass man 10 Jahre verschwendet hat. Dann ist man die nächsten 10 Jahre vermutlich damit beschäftigt, sich das zu verzeihen, man hat nichts gewonnen außer einem neuen frustrierenden Gedanken. In 10 Jahren kann man ein Instrument lernen und wahrscheinlich sogar sehr gut spielen, eine Sprache lernen, einen Kontinent entdecken, alle Werke von Kant/Platon/Aristoteles und Goethe lesen, vermutlich sogar alles gleichzeitig. Auch mit den Floatern, wenn lesen schwierig ist, dann kann man kreativ sein, eine Strategie entwickeln, welche es möglich macht. Lernt man eine Sprache sitzt man wahrscheinlich in der Volkshochschule in einem weißen Raum, der reinste Horror, aber nicht unmöglich, kommt man eben mit einer schwarzen Sonnenbrille und sagt: „Ich habe Albinismus“, oder „Tut mir leid, ich habe überempfindliche Augen, ich muss die Brille tragen“, wenn einem „Ich habe Floater/Glaskörpertrübungen“ unangenehm sein sollte. Es gibt leider mehr Ausreden, als Varianten etwas zu anzupacken und zu einem Ende zu bringen.

 

Einfach leben

Ein Satz den mein Therapeut einmal zu mir sagte, welcher mich nachhaltig und tief beeindruckt hat war: „Es scheint sie haben alles versucht und wüssten was sie wollen, aber haben sie schon versucht einfach zu leben?“
Das hat gesessen und war so simpel wie richtig. Das hatte ich noch nicht versucht. Alles was ich bisher tat war die Trübungen, entweder aktiv zu bewältigen und zu ignorieren, oder sie loszuwerden. Sie einfach nur zu haben, wie einen Schnurrbart oder eine dämliche Frisur, war bis dahin völliges Neuland für mich. 

Aber, wie lebt man mit etwas, dass einem ständig direkt vor den Augen herumtanzt, immer da ist wohin man schaut? Naja, einfach so eben. Es bedarf keiner wunderbaren Strategie, keiner Wundermittel, keiner heiligen Eingebung, sondern nur den Willen weiter zu leben. Es ist ein Irrglaube zu denken, es gäbe dieses eine Mittelchen, diesen einen Satz, diese eine Brille, um die Trübungen für immer und nachhaltig auszublenden und danach stören sie nie wieder. Das ist etwas, dass muss man so akzeptieren, es wird immer Spannungen mit den Trübungen geben. Es wird immer Tage geben an denen sie stören. 
Wie bereits angesprochen (Was hilft gegen die Mücken?Fliegende Mücken, was tun?), muss man sich selbst auch die Möglichkeit damit geben, die Trübungen zu akzeptieren. Grundsätzlich sollte es kein Gegeneinander sein sondern ein Miteinander. 

Natürlich ist das leicht gesagt und schwer getan, aber es ist drin, denn wo ist mein Mittelpunkt? Was fokussiere ich, was lebe ich?  Lebe ich mit den Floatern, oder die Floater mit mir? Bin ich die Floater, oder habe ich sie?
Trotz zahlreicher Floater besteht die Welt noch aus 80% anderen Dingen, zwischen den Floatern ist ein bisschen Platz um durchzuschauen. Natürlich sind massive Floater eine Beeinträchtigung und mit den Floatern leben zu können und trotzdem etwas dagegen zu unternehmen, ist per se auch kein Widerspruch, sondern vielmehr notwendig. Erst akzeptiere ich etwas, so wie es jetzt ist, dann formuliere ich einen Soll-Zustand, ist dieser erreicht, kann ich mir Gedanken über alles weitere machen. 

Die logische Reihenfolge, dessen was man tun sollte, ist nicht: „Versuchen damit zu leben > Laser-Vitreolyse > Vitrektomie“, sondern (à mon avis) „Versuchen damit zu leben > scheitern > neue Strategien entwickeln > scheitern >  festes Ziel formulieren > Teilerfolg > Akzeptanz > damit leben > Entscheidung treffen, ob ein Leben mit den Floatern den eigenen Vorstellungen entspricht“.

Kann ich den letzten Punkt mit einem klaren „Ja“ beantworten, dann ist es so, wahrscheinlich erinnert man sich, dann aber kaum noch an diesen Ablauf, so bleibt die Antwort implizit, durch die Handlung. Sollte es ein „Nein“ sein, dann kann man sich Gedanken über invasive Techniken machen.

Alles in allem, ich habe Floater, ansonsten führe ich ein normales völlig durchschnittlich glückliches Leben, es ist für mich wie Regen bei einer Grillfeier, schön, wenn er weg ist, nicht schlimm, wenn er bleibt.

Fliegende Mücken, was tun?

Die Frage was man tun kann, impliziert unumgänglich, dass welche Möglichkeiten habe ich überhaupt, aber die Möglichkeiten richten sich nach dem was man möchte. Manchmal muss man das wollen, was man kann, bzw. richtet sich das „Was will ich?“nach den Möglichkeiten.
Tut man dies nicht, bzw. sträubt sich gegen diese Möglichkeiten, will aber das Produkt der Möglichkeiten, ensteht eine fast unüberbrückbare Hüde, die früher oder später dazu führt, dass man auf der Stelle tritt.

Bei Mouches Volantes sind die Varianten, dessen was man möchte, frustrierend gering. Die meisten Menschen, wollen wohl einfach nicht mehr diese Mücken vor den Augen. Verständlich. Jedoch ändert sich, dass was die meisten wollen schlagartig, wenn einem bewusst wird, welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen, falls das Produkt „Keine Trübungen mehr“, erreicht werden will. Eine Vitrektomie ist ein schwerer Eingriff, der Gedanke, dass sich 2 – 3 Metallstäbe durch das Auge wühlen ist erschreckend und beängstigend, gleiches gilt für die potentiellen Risiken. Verständlich. Dennoch, die Vitrektomie ist die einzige Möglichkeit diesen Wunsch zu realisieren.


Meistens wird hier die Erwartungshaltung angepasst, an das was Möglich ist. Auch das ist verständlich. Aber was ist Möglich? Mit den Trübungen zu leben, ist natürlich möglich. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass man ein glückliches erfülltes Leben mit den Trübungen führen kann, ohne Einschränkungen. Eventuell bedarf es kleiner Hilfsmittel, der kauf einer Sonnenbrille, das dimmen des Computerbildschirms oder das zuziehen der Jalousien. Das ist die Möglichkeit des „Mit den Mücken zu leben“, bzw. sich damit zur arrangieren. Dieses erwächst, aber oftmals nicht aus dem eigenen Wunsch heraus, sondern an der Ermangelung anderer Möglichkeiten. Nicht jeder, der mit den Mücken leben kann muss das tun, aber es ist Möglichkeit es zu vereinfachen.


Wie viele Menschen würden noch mit ihren Floatern leben, wenn die Vitrektomie eine Operation mit 0,0% Risiko wäre? Vermutlich nur noch Bruchteil, oder nur jene, die nicht von ihnen gestört werden.

Was passiert, wenn das Will: „Keine Trübungen mehr“, nicht an die Realität angepasst wird? Denn wer keine Vitrektomie möchte, was sehr verständlich ist, muss zwangsläufig für die nächste Zeit damit leben. Gezwungenermaßen.


Man flieht. Sucht nach einer Möglichkeit, die das Produkt einer Vitrektomie ermöglicht -ohne das Risiko-, grundsätzlich ist das nicht verwerflich, sondern verständlich. Chinesische Heilmedizin, Heilpraktiker, Heilwasser etc. etc. Nur zielführend ist es nicht. Denn mit absoluter Wahrscheinlichkeit bzw. mit 100% Sicherheit, gibt es keine andere Möglichkeit. Das Problem hieran ist, dass man sich mit der ziemlich sicheren erfolglosen suche, gleichzeitig die Möglichkeit nimmt, sich mit den Floatern zu arrangieren. Da Zielvorstellung und Realität nicht mehr kohärent sind. Man durchforstet also endlos das Internet und eifert einem Ziel hinterher, welche nicht erreichbar ist.

 

Lebensgeschichte 4 Soll ich, oder soll ich nicht

Im letzten Teil habe ich erfahren, dass es die Vitrektomie gibt. Ich bin Anfangs davon ausgegangen, dass die Vitrektomie kein Risiko hat. Ich hatte schlichtweg keine Ahnung, was das für eine Operation ist. Doch bald war klar, so simpel wie ich mir das vorgestellt hatte ist es dann doch nicht.

Es macht einen Unterschied, ob der Glaskörper noch vollständig oder partiell an der Netzhaut anliegt, oder eben nicht.

 

FUN FACT

Ein Grund warum ein bekannter Arzt aus Düsseldorf, dessen Vorname ein bisschen klingt wie ein türkischer Schulhofschläger, keine jungen Patienten operiert. Da liegt der Glaskörper nämlich in der Regel noch vollständig an, was die Operation relativ kompliziert und schwierig macht, da der Glaskörper davor erst künstlich abgehoben werden muss.
Diese Art von Patienten würden ihm ja seine Quote versauen, falls denn mal was schief geht und darauf hat der sympathisch wirkende Herr mit dem netten Lächeln keine Lust.

Ebenfalls ist einem nach einer Vitrektomie der Graue Star so gut wie sicher, innerhalb der nächsten Monate und Jahre. Gut der Graue Star, vor der Operation braucht sich niemand zu fürchten. Schwerwiegende Komplikationen treten quasi nicht auf und sind fast vollständig unwahrscheinlich. Grauen Star bekommt man, mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit, im Alter sowieso. Also gut, dann habe ich meine OP halt 40 Jahre vorher, seis drum. 

Schwere Einblutungen, Netzhautrisse, Gesichtsfeldausfälle oder Rest Glaskörper, welcher dann auch sehr störend vor den Augen herumschwirrt, das beängstigt mich viel mehr. Meine Frustration schnellte zu diesem Zeitpunkt schier ins unermessliche, dieses extrem Gefühl von Niedergeschlagenheit, Trauer und Wut war überwältigend. Ich habe mich das erste Mal in meinem Leben gefragt, ob ein Leben so noch lebenswert ist. 
Im selben Augenblick habe ich mich für den Gedanken gehasst, so ein paar Trübungen, werden dir schon nicht dein Leben versauen, komm mal wieder klar. 
Ich kam es nicht und wurde es auch nicht mehr, eigentlich entwickelte sich ab da an ein stetiger Abwärtstrend. Ich war mindestens 5 Stunden am Tag im Internet und habe recherchiert, Möglichkeiten gegen diese Trübungen irgendwas das mir helfen könnte. Doch es gab nicht, keine Chance. Ich ging spazieren wollte mich ablenken, doch beide Augen waren immer voll mit diesem Schlonz.

Dann an einem Tag, an dem ich dachte ich werde definitiv wahnsinnig, oder schlimmer noch, beschloss ich etwas dagegen zu unternehmen. Ich sah meine psychischen Probleme, die diese Krankheit mit sich brachten und suchte mir einen Therapeuten.

 

Fortsetzung folgt.

Sind Floater eine Krankheit?

Die Floater und die Krankheit.

 

Manchmal scheiden sich hier die Geister. Viele Menschen denen ich von meinen Trübungen erzählt habe, waren der Meinung das auch schon immer zu haben.

„Ach du denk dir nichts, die habe ich auch. So einen kleinen durchsichtigen Strich im linken Auge. Stört dich das so, ich nehme die kaum wahr..“

-Guter Freund

Ich will niemandem einen Vorwurf machen, der nicht versteht, was Floater, wenn sie ein Krankheitsbild darstellen, bedeuten. Es geht nicht um 1-3 kleine durchsichtige Fäden irgendwo in der Peripherie, es geht um unzählbare irre Strukturen, die bei jeder Augenbewegung durch das Blickfeld rauschen.

 

Aber mal ganz grundsätzlich, was ist eigentlich eine Krankheit?

Definition von Der Gesundheits-Brockhaus, F.A. Brockhaus GmbH, Leipzig – Mannheim:

„Krankheit ist definiert als Störung des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens.[…]“

Sind Floater eine körperliche Krankheit?

Eine körperliche Krankheit, im Sinne von körperlich beeinträchtigend sicherlich nicht. Selbst Menschen mit den schlimmsten Trübungen, können noch lesen, Auto fahren, sprechen und sehen. Manchmal sind die Trübungen die Begleiterscheinung zu einer „echten“ körperlichen Erkrankung wie der Netzhautablösung, des Netzhautrisses, eine Blutung etc.
Die Glaskörpertrübungen, welche durch eine hintere Glaskörperabhebung entstehen, sind kein körperliches Krankheitsbild. Die hintere Glaskörperabhebung ist ebenfalls eine normale Folge des Alterungsprozesses. Durch eine hintere Glaskörperabhebung können Netzhautrisse und/oder Netzhautablösungen entstehen, wie wahrscheinlich das ist, weiß ich nicht. Die Symptome die in diesem Fall auftreten sind: Russregen, Gesichtsfeldausfälle, Blitze im Blickfeld.
Die meisten Menschen mit Glaskörpertrübungen haben dies nicht.

Wenn Floater keine körperliche Krankheit sind und das ein normaler Alterungsprozess ist, wo ist dann das Problem? Dann ist man doch gesund?

Nein, beziehungsweise nicht unbedingt.
Eine Depression ist genau genommen zwar eine körperliche Erkrankung, da die biochemische Zusammensetzung im Ungleichgewicht ist (kein/wenig Serotonin), gilt aber als eine seelische Erkrankung. Starke Trauer, nach dem Verlust des Ehemanns oder der Eltern, kann zu einer Depression führen, das ist auch eine seelische Erkrankung. 
Eine seelische Erkrankung mit einer körperlichen Komponente. Verminderter Antrieb, geringer Appetit, Trauer, kreisende Gedanken, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Durchschlafstörrungen etc. Das alles sind körperlich greifbare Komponenten einer seelischen Erkrankung, nämlich der Depression.  Wobei gilt, nicht jeder mit den Symptomen ist zwingend depressiv, aber die meisten Depressiven haben diese Symptome, manchmal zusammen mit vielen anderen Symptomen.

Okay schön und gut, aber was bedeutet das für Menschen mit Glaskörpertrübungen?

Viele Menschen mit Mouches Volantes (Fliegenden Mücken) sind massiv von dem schwirren direkt vor den Augen beeinträchtigt. Das Gehirn ist auf eintreffende visuelle Reize sehr empfindlich, die braunen Striche und Klumpen sind nie vollends ausblendbar, selbst nach Jahren nicht. Man sieht sie also immer, wie sie durch das Blickfeld rauschen, oder sie sind in der Mitte des Sehzentrum und hängen immer da wo man gerade hinsieht.
Das ist problematisch, denn es lenkt massiv ab, denn meistens liegt das was man wahrnehmen möchte die Schrift eines Buches, ein lustiges Katzenvideo oder ein Sonnenaufgang, hinter den Trübungen. Heißt die Trübungen „verdecken“ das was man eigentlich sehen möchte. Das ist unglaublich anstrengend und störend, man ist die ganze Zeit einem Input unterworfen einem diffusen wirbeln vor den Augen. Viele zwingt es sehr dunkle Sonnenbrillen zu tragen, das Licht in der Wohnung auf ein Minimum zu reduzieren, lange Aufenthalte im hellen Tageslicht zu vermeiden und und und.
Die Betonung liegt hier auf zwingt, man muss es tun, da die Trübungen derart störend und penetrant sind, dass es anders kaum noch möglich ist.

Was folgt daraus?

Daraus entsteht ein Teufelskreis, die Trübungen werden gezwungenermaßen vermieden, dadurch sinkt die Lebensqualität. Man kann die Trübungen auch nicht abstellen, sie sind einfach immer da. Ein Albenpanorama war für mich früher das Maß der Dinge, seit meinen Trübungen ist es ein Albtraum. Ich spare mir an dieser Stelle, mal das Wortspiel mit Alptraum und Albtraum 😉

Dieser umstand drückt die Stimmung natürlich massiv in den Keller. Man verliert sukzessive den Spaß an vielen Aktivitäten, entweder dadurch das man sie vermeidet, oder während dessen gestört ist von dem Wirbelsturm vor den Augen. Das führt in den schlimmsten Fällen zu einer Depression. Ich bin seit 2 Jahren bei einem Therapeuten und nachweislich und messbar erkrankt an einer mittelschweren Depression. Da kann mir kein Augenarzt mehr erzählen ich gewöhne mich daran.

Ist jeder Mensch mit Trübungen automatisch krank?

Auch hier ein klares Nein. Wie bei vielen Sachen spielt die eigene Wahrnehmung und die eigene psychische Konstitution eine entscheidende Rolle.
Es gibt viele Menschen mit Segelohren, zu großen Nasen, schiefen Zähnen aber keinem geht es gleich. Alle empfinden es als unterschiedlich schwer. Mike Krüger lebt mit seinem Zinken offenbar nicht so schlecht, wobei andere mit kleineren Nasen schier verzweifeln. Das ist von einem selber abhängig, das kann man nur für sich selbst bestimmen. Es gab durchaus Momente in meinem Leben in denen ich mich wunderbar gesund gefühlt habe, trotz massiver Floater. Einen stört ein einziger Strich, der andere lebt mit über 30 Floatern ohne nennenswerten Unterschied (das ist zwar jetzt utopisch, aber vielleicht).

Um es auf den Punkt zu bringen, nicht jeder mit Floatern im Auge ist krank oder muss sich krank fühlen, auf keinen Fall. Meiner Meinung nach gibt es einen Punkt an dem es zu viele Floater sind, da wird jeder Blick in den Himmel zur Qual. Diese Menschen, da gehöre ich dazu, vermeiden bestimmte Verhaltensweisen, sind in ihrer Stimmung gedämpft und die Gedanken kreisen viel um das eigene Augenthema. Das ist eine Krankheit.

Ab wie vielen Floatern ist man krank?

Das ist eine Frage, welche mich in letzer Zeit sehr viel beschäftigt. Es gibt nicht nur ein „wie viel“ sondern auch ein „wo“. Zwei schwarze Punkte direkt in der Mitte des Gesichtsfeldes, sind bestimmt störender, als vier kleine Fäden in der äußersten Peripherie. Grundsätzlich finde ich sollte jeder das Recht haben, seine Floater operieren zu lassen, egal wie viele und wo sie sind. ABER. Es macht halt nicht immer Sinn. Ein paar Monate sollte man sich Zeit geben, vielleicht lernt man ja gut mit ihnen umzugehen, oder sie sind nur am Anfang so störend. Ändert sich nach einem Jahr nichts und die Lebensqualität leidet massiv, dann sollte eine Operation in Betracht gezogen werden.

 

Aber sind Floater offiziell eine Krankheit?

Nein. Laut den Krankenkassen sind Glaskörpertrübungen eine subjektive Beeinträchtigung eine Vitrektomie in diesem Rahmen ein kosmetischer Eingriff. Floater sind also keine Krankheit. Das ist ein absoluter Schlag ins Gesicht für jeden mit massiven Floatern. Man wird mit seiner Erkrankung einfach nicht ernst genommen. Ich persönlich habe keine Lust, jedes mal bei einem Augenarzt einen kompletten Seelenstriptease hinzulegen und Ärzte davon zu überzeugen, dass ich unter meinen Trübungen leide und das kein bloßes Hirngespinst ist.

Daraus ergibt sich eine weitere Problematik, nämlich das jede Hilfe für GKT-Patienten, quasi eine Privatleistung ist. Es gibt kein einheitliches Behandlungsschema. Heißt manche Ärzte nutzen die GKT-Patienten, um massiv Geld an ihnen zu verdienen. So werden teure Voruntersuchungen veranlasst, welche privat zu tragen sind und dann wird doch nicht operiert, weil es zu gefährlich ist (Vitrektomie) oder nicht möglich (Laser-Vitreolyse). Ärzte entziehen sich so der Kontrolle durch die Krankenkassen, das ist ein fataler Zustand und so unhaltbar.

 

 

Lebensgeschichte 3

Mein Problem waren nicht nur dieser verdammt nervigen Floater. Es war nicht so als hätte ein von Grund auf glücklicher Mensch dieser Dinger gesehen und ist dann sofort schwer depressiv geworden. Vielmehr war ich davor schon jahrelang depressiv oder sagen wir unglücklich und tief in mir sehr traurig.
Diese Floater haben sich dann perfekt in das Gesamtbild meines beschissenen Lebens eingereiht. Yeah! Noch ein Grund mehr alles zu hassen.

Meine Aufmerksamkeit hat sich neu fokussiert, wo früher grüne Wiesen, ein blauer Himmel und ein bisschen fliegende Mücken war, da war jetzt haufenweise Dreck und ein bisschen Landschaft.
Ich habe Jahre gebraucht bis ich nach meiner erste Erfahrung wieder einmal den Mut aufgebracht habe, nochmal zu googeln. Zu groß war meine Angst nochmal zu erfahren das es nichts gibt was ich tun könnte.

Doch dann fand ich die Laser-Vitreolyse! Da denkt man jahrelang, es gibt keine Möglichkeit, irgendwie wieder ein normales Leben, ohne den Schmutz zu führen und dann findet man etwas, dass dies verspricht. Ich brauche keinem zu erklären wie euphorisch ich gewesen bin, am liebsten hätte ich die Welt umarmt. Doch zwei Klicks weiter war wich die Euphorie der sehr ernüchternden Realität.
Kaum ein junger Mensch kommt für die Vitreolyse in Frage, die Vitreolyse entfernt nicht alle Floater und die Operation muss privat bezahlt werden. Ohh well, fuck then!

Meine Trübungen tanzten wild über den Bildschirm meines Computers und formten ein hämisches Grinsen. Doppelte Punktzahl für den Pathos. 

Eigentlich hatte ich jede Hoffnung aufgegeben jemals wieder einen freien Blick zu haben, doch dann fand ich die Vitrektomie. Diverse Websiten waren sich einig, die Pars-Plana-Vitrektomie ist eine relativ schonende Operation mit geringer Komplikationsrate.  Okay, ist gekauft!

Leider ist der zweite Blick meistens nicht mehr fähig dazu die erste Euphorie aufrecht zu halten. Grauer Star ist die sichere Konsequenz. Also dann doch nicht, aber immerhin gibt es etwas, was mir eventuell helfen könnte. Allein schon die Aussicht darauf, dass ich nicht mit meinem Trübungen sterben muss, war schon wie Balsam für mich.

Lebensgeschichte 2

Nach den drei Jahren mit drei relativ kleinen schwarzen Punkten gesellte sich im anderen Auge ein trüber Streifen. Nachdem er im rechten unteren Ende meines Blickfeld war ist er mir erst nur sehr selten aufgefallen. Als ich mich dann das erste mal traute wieder einmal in den blauen Himmel zu schauen habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass beide Augen eigentlich voll von durchsichtigen kristallinen Fäden sind.
Mit der Entspannung war es dann erstmal vorbei, ich hatte subjektiv das Gefühl als würden es immer immer mehr werden, letztendlich habe ich aber vermutlich nur mehr wahrgenommen.
Also wieder einen Augenarzt besucht, dieser unglaublich „empathische“ „freundliche“ und fachlich sehr „kompetente“ Mensch hat es tatsächliche geschafft, alle Sorgen hinsichtlich meiner Augen, mit seiner fundierten und wohl überlegten Aussage: „Herr R. da haben sie aber echt ein Pech, da kann man überhaupt nichts machen, konzentrieren sie sich nicht so darauf, wenn sie Blitze sehen kommen sie wieder“, zu zerstreuen.  Ich denke ich brauche nicht zu erklären, dass ich ab dem Tag Blitze gesehen habe. Psychosomatik das Arschloch.
Wenigstens hatte ich das erste mal einen konkreten Namen unter dem ich googeln konnte. Das Monster hatte einen Namen: Mouches Volantes.

Nach einem mehrstündigem googeln und diversen beinahe Nervenzusammenbrüchen, bei dem Gedanken mit diesen Dingern mein Leben lang herumzulaufen, war die Erkenntnis gefallen, dass dies wohl mein Schicksal sei. Ich könnte daran Verzweifeln oder es schaffen, leben müsste ich sowieso mit diesen Flecken.

(Anmerkung: Zu diesem Zeitpunkt war die Laser Vitreolyse noch nicht sonderlich bekannt und die Vitrektomie wurde in diesem Zusammenhang nicht mal erwähnt und ein Artikel auf Wikipedia hat zu dem Zeitpunkt noch nicht existiert)

Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich – bedingt durch meinen minimalen – Informationsstand dachte ich muss sicherlich mit diesen Trübungen leben mich sehr zerschmettert hat. Ich glaube, dass wen eine andere Person, zu einem andere Zeitpunkt und mit einem anderen persönlichen Hintergrund diese Trübungen bekommen hätte, wäre er/sie sicher kompetenter damit umgegangen. Ich habe mich erstmal zurückgezogen.

Licht aus, rollte runter. Affe tot.

Hier geht es zum dritten Teil: Lebensgeschichte 3